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Universität Innsbruck

An der Universität Innsbruck wird YouReACT durch das Team um die Professur von Marion Näser-Lather durchgeführt, die im Fach Empirische Kulturwissenschaft am Institut für Geschichtswissenschaften und Empirische Kulturwissenschaft angesiedelt ist. Das Fach steht für diee ethnographische, gegenwartsbezogene und historisch fundierte Erforschung alltagskultureller Praktiken. Forschungsschwerpunkte der Professur sind Politische Anthropologie, Gender Studies, Digitalisierung, Soziale Bewegungen sowie methodische und ethische Aspekte des Forschens in Sensiblen Feldern. In diesen Bereichen engagiert sich Marion Näser-Lather auch innerhalb des Ständigen Ausschusses für Forschungsdaten und Ethik der Deutschen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft (DGEKW), als Mitglied im DFG-Netzwerk Public Anthropology, als Sprecherin des Netzwerkes Anthropology and Social Movements der European Association of Social Anthropologists (easa) und als Vorsitzende der Österreichischen Gesellschaft für Empirische Kulturwissenschaft und Volkskunde (ÖGEKW). Ihre neuesten für den Kontext von YouReAct relevanten Publikationen umfassen:

Heimerdinger, Timo, und Näser-Lather, Marion (Hg.) (2024): Position beziehen, Haltung zeigen!? Bedingung und Problem kulturwissenschaftlicher Forschung. Münster und New York: Waxmann.

Näser-Lather, Marion (2025): How sustainable can a movement be? Structural conditions and contexts of engagement. In: Christine Hämmerling, Alexander Koensler, Marion Näser-Lather (Hg.) (2025): Utopias of Sustainability – The Sustainability of Utopias: A Multimodal Intervention. Perugia: Morlacchi, p. 29-45. https://doi.org/10.61014/UtopiasSustainability/NaserLather.

Gemeinsam mit Phil C. Langer und Claudius Wagemann (2025): Left (Alone) in the Countryside? Young People as Policy-Makers and Potential Game Changers in Peripheral Regions, in "Rivista di antropologia contemporanea" 1/2025, pp. 75-95, doi: 10.48272/118423

Perspektive der Empirischen Kulturwissenschaft

Die empirische Kulturwissenschaft untersucht verstehend-deutend, gegenwartsbezogen und historisch fundiert alltägliche Lebenswelten und kulturelle Phänomene. Schwerpunkte der Forschung liegen auf der Analyse von Machtverhältnissen, Strukturen, Symbolen, Sinn- und Identitätskonstruktionen, häufig in auf lokale Kontexte und Einzelfälle bezogenen Mikrostudien, aber auch durch Ethnographien, on- wie offline, an unterschiedlichen Orten. Ziel ist es, Erkenntnisse in Bezug auf gesellschaftliche Zusammenhänge und Prozesse abzuleiten und entsprechend feldsensi-tive Theorien zu entwickeln.

Demokratieforschung in der Europäischen Kulturwissenschaft ist verankert in der politischen Anthropologie. Diese begreift das Politische als Sphäre des Sozialen, die zwischen den Menschen verortet ist und in der im Gegensatz zu Politik als formalisiertes Regierungshandeln (Aus-)Handlungsprozesse der Hervorbringung von Sozialität stattfinden, durch die Ordnung von Räumen und die Verteilung von Ressourcen sowie die Produktion von Bedeutungen, Normen und Strukturen. Das Politische entsteht im Zusammenspiel aller politischen Akteur*innen bottom up und top down – seien es Institutionen, Bewegungen oder Einzelpersonen. Es zeigt sich in Kämpfen um Hegemonie und Teilhabe, in der Aus-gestaltung sozialer Beziehungen, und es manifestiert sich in (Infra-)Strukturen, Ökonomien, materiellen Formen, und Technologien und Geschlechter-ordnungen.

Politische Anthropologie verbindet Macht- und Ideologiekritik, feministische Theorien und dekoloniale Perspektiven sowie praxistheoretische Herangehensweisen. Zentral sind Modelle wie As-semblage und Dispositiv, die die Komplexität von Netzwerken (nicht-)menschlicher Akteur*innen in den Blick nehmen. Auch ein engagierter und eingreifender Ansatz kann Bestandteil politisch-anthropologischer Forschung sein, der versucht, bestehende Wissensordnungen zu verschieben und Handlungsräume für marginalisierte Subjekte und Subjektivitäten zu schaffen.

Diese Haltung schlägt sich auch in unserem methodischen Ansatz nieder. Wir forschen akteur*innenzentriert, fokussiert auf Praktiken, Diskurse und symbolische Repräsentationen und ihrer Verortung in historischen Entwicklungen sowie soziokulturellen und alltagsweltlichen Kontexten. Eine besondere Bedeutung kommt Subjektivierungs- und Vergemeinschaftungsprozessen, der Konstituierung sozialer Räume sowie Ritualen, Lebensstilen, Narrativen und der Rolle von Emotionen und Affekten für die Selbstentwürfe politischer Subjekte und ihre Sinndeutungen zu.

Aus dem Fokus auf der Komplexität von Lebenswelten und der Vielfalt von Identitätskonstruktionen ergibt sich eine forschungsethische Haltung, die Lebensäußerungen und Ansichten der Feldpartner*innen ernst nimmt und Exotisierung bzw. Othering zu vermeiden sucht. Im Mittelpunkt steht ein von Empathie im Sinne von Einfühlen und Nachvollziehen getragener selbstreflexiver Ansatz, der eine dichte Beschreibung der Alltagswelt zum Ziel hat, d.h. ein Verständnis politischer Einstellungen, deren Einbettung in Handlungsmuster, Erfahrungen und Bedeutungszuschreibungen. Dabei versuchen wir uns den Akteur*innen multiperspektivisch in ihren vielschichtigen Identitätsbezügen, Ambiguitäten und intersektionalen Positionierungen zu nähern, mit Hilfe von teil-nehmenden Beobachtungen, Interviews, Narrations- und Diskursanalysen sowie der Grounded Theory Methodology.
Wir möchten unseren Feldpartner*innen und ihren Problemlagen und Deutungen eine Stimme geben, indem wir sie durch Kollaboration beim Forschungsprozess in die Entstehung des Wissens und ihre Repräsentation in Form der Kommunikation der Forschungsergebnisse miteinbeziehen.